Belgrad, 25.–26. Oktober 2026 | Fotoreportage
Ein Lastwagen mit der großen weißen Aufschrift „POBEDA“ („SIEG“) fährt durch die Menschenmenge in Richtung Slavija-Platz. Auf seinem roten Führerhaus steht auch die Zahl drei, die Nummer der Studierendenliste bei der Parlamentswahl. Um ihn herum fotografieren Menschen, halten ihre Handys und Fahnen hoch. Rauch von Pyrotechnik liegt in der Luft. Die Straßen, auf denen tagsüber die Polizei präsent gewesen war, sind nun voller feiernder Bürger. Nur wenige Stunden zuvor wusste in diesem Teil Belgrads noch niemand, wie der Wahlabend enden würde.

Der Sonntag, 25. Oktober, begann deutlich ruhiger. Am Morgen deutete vor dem Gebäude der Nationalversammlung fast nichts auf das hin, was später geschehen sollte. Die Stadt erwachte langsam, der Verkehr lief normal, und die Menschen gingen zu den Wahllokalen. Im Stadtteil Dušanovac, in der Ustanička-Straße, standen Wählerinnen und Wähler Schlange. Ähnliche Szenen waren auch in anderen Teilen der Stadt zu sehen. Vor den Wahllokalen war es ruhig. Die Menschen kamen an, warteten, gingen hinein und gaben ihre Stimme ab.
Kurz nach zehn Uhr trafen jedoch erste Meldungen über Zwischenfälle ein. Aus verschiedenen Teilen Serbiens wurden Auseinandersetzungen, mutmaßliche Wahlunregelmäßigkeiten und Angriffe auf Beteiligte des Wahlprozesses gemeldet. Medien berichteten über Übergriffe auf Journalisten und Aktivisten, während Vertreter einiger Wahllisten von Druck und dem Verdacht organisierter Stimmabgabe sprachen. Manche Behauptungen waren umstritten und mussten weiter überprüft werden. Im Zentrum Belgrads, wo wir die Ereignisse beobachteten, wurden die Vorbereitungen der Polizei auf mögliche Zusammenstöße immer deutlicher.

Ein Abschnitt der Kralja-Milana-Straße in der Nähe des Sitzes der Republikanischen Wahlkommission war mit Metallgittern gesperrt. Polizisten kontrollierten den Zugang. Im Laufe des Tages trafen weitere Kräfte ein, darunter Einheiten mit Ausrüstung für Einsätze bei öffentlichen Versammlungen. An mehreren Stellen bildeten sich Polizeiketten, dahinter standen Einsatzfahrzeuge. Journalisten und Fernsehteams bezogen Positionen, von denen aus sie die Zufahrten zur Wahlkommission und zum Pionirski-Park beobachten konnten.
Die Fotografien aus diesen Stunden zeigen einen besonders auffälligen Gegensatz zwischen zwei Teilen der Stadt. Vor den Wahllokalen warteten die Menschen weiterhin auf ihre Stimmabgabe. Nur wenige Kilometer entfernt entschieden im Zentrum bereits Polizeisperren darüber, welche Wege passierbar waren und welche nicht.

Am Nachmittag war klar, dass die Wahlbeteiligung hoch ausfallen würde. Die Republikanische Wahlkommission teilte mit, dass bis zehn Uhr etwa 19,7 Prozent der Wahlberechtigten abgestimmt hatten – fast doppelt so viele wie zum selben Zeitpunkt bei der Wahl 2023. Vor manchen Wahllokalen blieben die Schlangen den ganzen Tag bestehen, während in den sozialen Netzwerken Schätzungen zur Wahlbeteiligung und Berichte über Unregelmäßigkeiten kursierten. Zu diesem Zeitpunkt war schwer einzuschätzen, wie sich die hohe Beteiligung auf das Endergebnis auswirken würde.

Als das Ende der Stimmabgabe näher rückte, tauchten im Stadtzentrum Gruppen von Männern in Zivilkleidung auf, einige überwiegend schwarz gekleidet. Wir beobachteten, wie sie sich aus Richtung Zeleni Venac durch den Durchgang bei Terazije zum Pionirski-Park bewegten, der während der Proteste als „Ćacilend“ bekannt geworden war. Einzelne kehrten nach Terazije zurück, beobachteten die Versammelten und gingen wieder weg. Ihre Anwesenheit beunruhigte die Bürger. Aus den Fotografien und unseren Beobachtungen lässt sich jedoch weder die Identität aller dieser Personen noch ihre organisatorische Zugehörigkeit oder der Grund ihres Erscheinens zuverlässig feststellen.
Der Pionirski-Park war seit mehr als anderthalb Jahren einer der umstrittensten öffentlichen Orte Belgrads. Im März 2025 hatten Gegner der studentischen Blockaden dort ein Zeltlager errichtet, das von Bürgern „Ćacilend“ genannt wurde. Das Gelände zwischen dem Präsidialamt und der Nationalversammlung war eingezäunt und stark bewacht. In den vorangegangenen Monaten waren zahlreiche Auseinandersetzungen, Zwischenfälle und Berichte über Übergriffe dokumentiert worden. Am Wahlabend berichteten Medien, dass im Park erneut Zelte aufgestellt und Ausrüstung angeliefert wurden.

Unterdessen gab es Aufrufe, den Wahltag friedlich zu beenden. Der Leiter der EU-Delegation in Serbien, Andreas von Beckerath, äußerte sich besorgt über gemeldete gewaltsame Zwischenfälle an Wahllokalen und forderte alle Beteiligten auf, auf Gewalt und Provokationen zu verzichten. Gegen 21 Uhr riefen die an den Blockaden beteiligten Studierenden die Bürger dazu auf, sich nicht in der Nähe von Orten zu versammeln, an denen eine verstärkte Präsenz von Polizei und nicht uniformierten Personen bemerkt worden war. Die Warnung verstärkte die Unsicherheit, die bereits auf den Straßen zu spüren war.

Um 20 Uhr schlossen die Wahllokale; wer zu diesem Zeitpunkt bereits in der Schlange stand, durfte noch wählen. In der Kralja-Milana-Straße und den angrenzenden Straßen blieben die Polizeiketten bestehen. Irgendwann beobachteten wir, wie drei Polizeifahrzeuge in einen bereits abgesperrten Straßenabschnitt fuhren. Die Umstehenden versuchten herauszufinden, was hinter den Absperrungen vor sich ging, während Reporter davor berichteten. Die Stimmabgabe war beendet, doch das Ergebnis stand noch aus.
Unter diesen Umständen verbreiteten sich Informationen schneller, als sie überprüft werden konnten. Zwei junge Männer in unserer Nähe behaupteten, die Liste von Aleksandar Vučić habe 54 Prozent der Stimmen erhalten. Woher diese Zahl stammte, wussten wir nicht. Wenige Minuten später erreichte uns eine ganz andere Nachricht: Die Studierendenliste hatte gewonnen. Die erste Zahl war nur eine von vielen unbestätigten Behauptungen, die auf der Straße kursierten. Klarer wurde die Lage, als Aleksandar Vučić gegen 21.30 Uhr in einer Ansprache aus seiner Wahlzentrale einräumte, dass die von ihm geführte Liste die Wahl verloren hatte und die Studierendenliste die meisten Sitze errungen hatte.

Von diesem Moment an veränderte sich die Stimmung im Zentrum. Menschen strömten auf die Straßen, blieben stehen, um Nachrichten zu überprüfen, und riefen einander an. Rufe, Autohupen und Gesang waren zu hören. Wer noch wenige Minuten zuvor an den Polizeisperren gestanden hatte, ging nun zur Nationalversammlung, wo sich eine immer größere Menge versammelte. Auf Terazije konnte man beobachten, wie die Feiern von einer Gruppe auf die nächste übergriffen.
Gleichzeitig begannen Männer, die sich zuvor im Pionirski-Park aufgehalten hatten, das Gelände zu verlassen. In sozialen Netzwerken tauchte ein Video auf, das eine schwarz gekleidete Gruppe zeigt, die aus Richtung Park rennt. Auch wir sahen auf Terazije Gruppen, die sich hastig entfernten. Während eines solchen Rückzugs wurden nach unseren Beobachtungen vor Ort mehrere junge Männer, die sich zufällig in der Nähe befanden, körperlich angegriffen. Unsere veröffentlichten Fotografien zeigen den Angriff selbst nicht; aus ihnen lassen sich daher weder die Täter identifizieren noch der Vorfall zuverlässig rekonstruieren.
Bald darauf begannen auch Polizeieinheiten, einige ihrer Positionen zu verlassen. Ein Teil der Metallabsperrungen blieb auf der Straße stehen, doch ein Ort, der den ganzen Tag wie eine Vorbereitung auf mögliche Zusammenstöße gewirkt hatte, wurde zunehmend zum Durchgang für immer mehr Menschen.
Kurz nach 22 Uhr betraten die Versammelten den Pionirski-Park. Die Absperrungen, die ihn lange vom Rest der Stadt getrennt hatten, wurden entfernt. Menschen gingen zwischen den Zelten hindurch; einige kletterten auf Konstruktionen, andere fotografierten oder riefen, der Park sei wieder geöffnet. Die Wut über das, was in den vorangegangenen Monaten auf diesem Gelände geschehen war, war fast ebenso deutlich zu spüren wie die Freude über das Wahlergebnis.

Ein Teil der Menge begann, Zelte abzubauen und niederzureißen. Stühle und andere Gegenstände wurden zerbrochen, Transparente entfernt, und im Laufe der Nacht wurde ein Zelt in Brand gesetzt. Das Feuer erfasste auch Fahrzeuge in der Nähe. Manche trugen Stühle, Schilder und andere Gegenstände aus dem ehemaligen Lager hinaus. Sie nahmen diese durch die Stadt mit und ließen sich damit fotografieren. Für sie waren die Gegenstände Erinnerungsstücke an das Ende eines Ortes, der mehr als anderthalb Jahre mit politischen Konflikten und eingeschränktem Zugang zu einem öffentlichen Park verbunden gewesen war.

Die Fotografien dokumentieren aber auch etwas, das sich nicht einfach als Feier beschreiben lässt. Während einige Fahnen schwenkten und fotografierten, zerstörten andere die verbliebenen Konstruktionen. Die Beseitigung der Sperren machte den Park wieder zugänglich; die Sachbeschädigungen und das Anzünden der Zelte waren jedoch eigenständige Handlungen, deren Folgen nicht mit dem Betreten des Parks endeten.

Vom Pionirski-Park aus setzten sich die Feiern auf den Straßen in Richtung Slavija-Platz fort. An Autos waren Fahnen zu sehen, Menschen lehnten sich aus Fenstern und Schiebedächern, Motorradfahrer fuhren durch die Kolonnen, und Gruppen hielten an Kreuzungen an. Einige junge Männer stiegen auf den Bereich um den Springbrunnen von Slavija. Hupen, Musik und gelegentliche pyrotechnische Knallgeräusche bildeten die Geräuschkulisse.

Unter den Fahrzeugen, die in dieser Nacht durch die Stadt fuhren, war auch ein roter Lastwagen mit der großen Aufschrift „POBEDA“. Aufgrund seiner Größe und der leuchtend roten Farbe zog er besondere Aufmerksamkeit auf sich. Menschen näherten sich ihm, fotografierten ihn und verfolgten seinen Weg. Auf vielen Handys blieb die Aufnahme dieses Lastwagens als eines der markanten Bilder des Wahlabends zurück.
Die Feiern dauerten auch nach Mitternacht an. Ein Teil der Versammelten bewegte sich von der Nationalversammlung über Slavija weiter in Richtung Karađorđev-Park. An Kreuzungen bildeten sich Autokolonnen, während andere im Zentrum blieben. Ein Wahlergebnis, das wenige Stunden zuvor noch ungewiss gewesen war, war nun Anlass für eine große Menschenansammlung.
Nach den vorläufigen Ergebnissen der Republikanischen Wahlkommission, die nach der Auswertung von 97,56 Prozent der Wahllokale veröffentlicht wurden, erhielt die Studierendenliste „Studierende gewinnen“ 52,71 Prozent beziehungsweise 2.267.615 Stimmen. Nach der damaligen Sitzverteilung entsprach das 140 der insgesamt 250 Parlamentsmandate. Die Liste „Aleksandar Vučić – Vereintes Serbien“ erhielt 39,17 Prozent und 104 Mandate. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Reportage standen die endgültigen Ergebnisse noch nicht fest.

Am nächsten Morgen sah das Zentrum Belgrads anders aus. Der Pionirski-Park war wieder zugänglich, doch das Gelände war mit Zeltresten, beschädigten Absperrungen, Stühlen und anderen Gegenständen übersät. Die Spuren der Versammlung und der Zerstörungen in der Nacht waren noch sichtbar. Auf Initiative der Gruppe Eko Straža begann um zwölf Uhr eine Reinigungsaktion, an der Bürger, Freiwillige und Beschäftigte der städtischen Reinigungsdienste teilnahmen.

Einige sammelten Abfälle in großen Säcken, andere entfernten verbliebene Konstruktionen, reinigten Wege oder arbeiteten an Grünflächen. Familien mit Kindern kehrten in den Park zurück. Menschen, die in der Nacht zuvor den Abbau der Absperrungen beobachtet hatten, konnten nun Wege benutzen, die ihnen lange verschlossen geblieben waren. Tagsüber gab es eine weitere Zusammenkunft mit Musik, und zwischen Bäumen und Wegen, die die Bürger zu säubern versuchten, wurde weiter gefeiert.

Eines der letzten Bilder dieser Serie zeigt einen Kinderspielplatz. Menschen sind dorthin zurückgekehrt. Nur wenige Aufnahmen zuvor waren am selben Ort noch Zelte, hinausgetragene Stühle und Reste abgebauter Konstruktionen zu sehen.
Am 25. Oktober gingen Menschen zur Wahl, während die Polizei Teile der Innenstadt sperrte. Am Abend standen die Ergebnisse fest, die Absperrungen waren entfernt und die Feiern hatten sich über die Straßen ausgebreitet. Am nächsten Tag säuberten Bürger einen Park, den sie mehr als anderthalb Jahre lang nicht frei betreten konnten.
Diese Fotografien zeigen alle drei Szenen: Menschen, die wählen, Menschen, die feiern, und Menschen, die nach der Feier aufräumen.
Jede gehört zur Geschichte des 25. Oktober.

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